Das 6. Internationale Blues- und Rockfestival 2008 im Klosterpark Altzella ist charmant entspannt.

Woran liegt es nur, dass Rock und Blues im Klosterpark Altzella so unglaublich entspannend wirken? Ist es die Musik? Ist es der Ort? Ist es das Wetter, oder sind es die Leute?

Donnerstag, erster Mai, Himmelfahrt. Noch am Morgen hatte es geregnet aber gegen elf Uhr ist der Himmel blau, die Wolken ziehen langsam ab. Die ersten Sonnenstrahlen zaubern ein Lächeln auf jedes Gesicht und langsam erwacht das Festivalgelände.

Noch ein kleines, verschlafenes Bier so kurz vorm Mittag? Was bruzzelt da eigentlich leckeres in der riesigen Pfanne? Erst mal hinsetzen und Sonne genießen, gleich hier vor der Bühne. Die ersten Gäste schlendern ins Festzelt, setzen sich aber sofort wieder nach draußen mit Blick auf die Bühne, denn das Wetter ist viel zu schön, um drinnen zu sitzen. Viele der Besucher kommen in Motorradkluft, zünftiger geht es nicht mehr. Auf der Bühne werkeln gemütlich Techniker und Musiker und bereiten den ersten Auftritt vor. Hier und da klimpert schon mal eine Gitarre und etwas später steht die erste Band auf der Bühne. Jimmy Bozeman aus den USA mit Folk- und Bluesband aus der Tschechischen Republik pendeln sich ganz leger auf das entspannte Publikum ein. Bozeman ist gut gelaunt und bittet höflich, aber doch nachdrücklich um ein kühles Dunkles. Darauf muss er allerdings warten, denn die Zapfanlage wird grad noch aufgebaut. Er zuckt mit den Schultern. „Macht nichts,“ sagt er „aber ich schwöre Euch, wir spielen hier so lange, bis ich endlich mein Bier habe.“ Er lacht und die Band beginnt zu spielen. Hank Williams schaut kurz vorbei, dann Townes van Zandt und ist das dort nicht Bob Dylan? Altzella liegt plötzlich irgendwo zwischen dem Delta und Tennesee.

Doch nicht lange, dann weht ein heftiger Wind den Blues von der Bühne und übrig bleibt ein kantiger Rock. Millstone aus den Niederlanden singen kraftvoll, rockig und auch ein wenig poppig, Gitarrenrock der neunziger Jahre eben. Das trifft den richtigen Nerv im Publikum. überall leichtes Taktklopfen mit dem Fuß und die Hände cool in den Taschen oder am Bierglas. Kinder tollen über die Wiese und springen übermütig in eine große Hüpfburg oder spielen Fußball hinterm Zelt. Am Rand ein kleiner Junge, der pathetisch ein Solo auf der Luftgitarre spielt.

Marty Hall sollte eigentlich mit Band auftreten, doch nun steht er allein da oben auf der Bühne und spielt seine Gitarre. Nein, er zaubert mit seiner Gitarre. Eigentlich sieht er aus wie der Durchschnittstyp von nebenan, aber sein Spiel ist manisch, wild und virtuos. Der Funke springt über und das Publikum ist begeistert, will noch mehr von den alten Blues- und Rocknummern wie etwa „Rock´n Roll Hoochie Koo“. Nach der letzten Nummer fordern die Leute Zugabe und klatschen heftig Beifall. Hall ist glücklich über die begeisterten Zuhörer, entschuldigt sich aber kurz: „Ich bin gleich wieder da, muss nur eine gerissene Saite reparieren, das geht aber ganz schnell.“ sagt er und ein paar Minuten später gibt er noch eine Zugabe. Am frühen Abend glühen die Ruinen von Altzella in der goldenen Abendsonne. Die nächste Band entführt uns an die mexikanische Grenze, bis fast nach Calexico. „Calaveras“ spülen wehmütige Mariachiklänge über das Publikum und malen Bilder von düsteren Italo-Western und felsigen Wüstenlandschaften. Kontrabass, Besen-Schlagzeug, Gitarre und Trompete – mehr braucht es nicht und schon schreiten Clint Eastwood und Lee van Cleef über die Wiese.

Die Bands auf dem Festival sind keine Stars, sie sind Musiker. Das ist ein Unterschied. Denn Musiker führen das Leben, das sie besingen. Einige von ihnen stehen schon seit ihrer Kindheit auf der Bühne, reisen von Auftritt zu Auftritt und spielen, nein: leben den Blues. Kees Schipper ist so einer. Seit mehr als zehn Jahren ist der Niederländer Gast in der Region und verkündet mit seiner Truppe den Blues. Schaut man ihm auf der Bühne zu, dann spürt man, dass er das nicht des Geldes oder des Ruhmes wegen tut. Das gegerbte Gesicht, das Spuren eines intensiven Lebens trägt, leidet mit bei jeder einzelnen Note. Es lächelt mit geschlossenen Augen, wenn der Song von Träumen erzählt und es zuckt krampfhaft, wenn er das Elend besingt. Die Gitarre hängt lässig vorm Bauch, leicht gebückte Haltung nuschelt Kees Schipper ins Mikro und kündet die nächste Nummer an, eine neue Geschichte aus dem richtigen Leben.

Den Rest des Abends bestreiten die Lokalmatadoren „Doktor Böhm Quintett“ und die selbsternannten „inventors of Rockin' Cartoon Pop“ Big Bad Shakin´. Der erste Tag vom Blues- und Rockfestival Altzella hatte all das, was dieses Festival besonders macht: Sonne, gute Laune, gute Musik und entspannte 1300 Besucher in der wunderbaren Atmosphäre vom Klosterpark Altzella.

Der Freitag gehört dem Regen. Bis kurz vor Programmbeginn am frühen Abend gießt es in Strömen und die Festivalwiese ist ein schlammiger Sumpf. Die Absage stand kurz bevor. Trotzdem kämpfen die sieben Bands, davon 2 regionale Jugendbands (Ora Vita und The Funky Monkeys) gemeinsam mit etwa vierhundert Zuhörern gegen die widrigen Umstände. Internationaler Headliner des Abends ist die polnische Band Fast Forward aus Warschau, als Ersatz für CF98 aus Kraków. Kurz nach Mitternacht schaffen es Ken Guru & The Highjumpers sogar, mit ihren Reggae-Klängen etwas Südseefeeling nach Altzella zu zaubern, auch wenn es tatsächlich nur ein paar Grad über Null sind. Das Fest endet, wie es begann: entspannt, locker und gemütlich, weit entfernt vom üblichen Festivalstress. Da liegt auch das Geheimnis dieses Festivals, die Antwort auf die Frage, warum Blues und Rock in Altzella so unglaublich entspannt rüberkommen: Das Blues- und Rockfestival in Altzella ist besonders, weil die richtigen Zutaten in der richtigen Dosis in den richtigen Topf gegeben werden. Freuen wir uns auf noch mehr Entspannung im nächsten Jahr im Mai beim „Internationalen Blues- und Rockfestival Altzella“.

Uli Kretzschmar

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