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(uk) „WhatsApp?“ und wie man über 50 freiwillige Helfer zusammenhält und daraus ein Festival macht.

„Wo bist Du?“

„Wo bleiben Mama Basuto? Bitte ins Backstage schicken!!“

„Bühne Scheune!“

„Bitte beim Wechsel mit drauf achten, dass die Scheune nicht überlastet ist!“

„Wem gehört dieses Auto? Steht in der Feuerwehrzufahrt!! Bitte durchsagen!“

„Nummer?“

„Habe am Bierwagen 2 das letzte Fass angestochen!!“

„DL-DD 475“

„Bitte 2 Helfer ins Backstage!“

„Bühne Scheune: wir brauchen hier nochn Moment, Kees kann draußen einen Song mehr spielen.“

„Bühne Wiese: ok, macht er gern!!“

Laut vorgelesen klingt es wie babylonisches Kauderwelsch, doch mittlerweile sind solche Unterhaltungen ein wichtiger Teil vom „Int. Blues  & Rock Festival Altzella“. Es handelt sich um Auszüge aus dem Stream einer der WhatsApp-Gruppen vom Mittelsächsischen Jugend- und Kulturverein e.V. (MJV), dem Veranstalter des Festivals. WhatsApp – das ist ein Online-Messenger-Dienst, über den sich mehrere Menschen in einem virtuellen Raum, einem so genannten Chatroom unterhalten können. Wir reden hier von einem Teil der viel zitierten „Social Media“.

Segen und Grenzen der Social Media

Am Himmelfahrtstag 2018 koordinieren sich über 50 Helfer und Mitarbeiter untereinander und kommunizieren über diesen Messenger-Dienst miteinander. Während des Festivals muss jeder permanent erreichbar sein. Es gibt verschiedene Chat-Gruppen, je nach Funktion und Aufgabe. Und es gibt eine große Gruppe, in der alle „Freunde und Mitglieder“ angemeldet sind. Hier kann jeder mitreden und mitlesen – auch über das Festival hinaus, das gesamte Jahr über. Da geht es auch schon mal heiß her, wenn aktuelle politische Fragen diskutiert werden, dabei lernen die Mitglieder die Grenzen sozialer Kommunikation im Online-Bereich kennen. Oft entwickeln sich aus Diskussionen hitzige Schlagabtausche, am besten beendet man die Unterhaltung dann und klärt den Rest von Angesicht zu Angesicht, beispielsweise bei einem der Helfertreffen, die der Verein nach den anstrengenden Festivals organisiert.

Doch während des Festivals, wenn die vielen Helfer und Mitglieder über das siebzehn Hektar große Festivalgelände verstreut sind und alle ihre jeweiligen Jobs erledigen, ist die Möglichkeit, über WhatsApp gezielt und auch in der Breite miteinander zu kommunizieren ein wahrer Segen.

Per WhatsApp die Lage im Griff behalten

Beispielsweise, als dem Festival in diesem Jahr eine Gewitterfont nahe rückt. Die Wettervorhersage prophezeite starken Sturm und Hagel. Mehr als 2.500 Besucher vergnügen sich zu dem Zeitpunkt auf dem Festivalgelände, bis etwa 16:30 Uhr bei schönstem Sonnenschein. Darunter sind auch viele Familien mit Kindern und natürlich jede Menge Fans und Musikliebhaber, die vor allem wegen der Bands da sind. Dann rollt die Gewitterfront heran, verdunkelt den Himmel. Es wird drückend heiß und schwül. Wo sollen, falls plötzlich der Hagelsturm losbricht, die vielen Menschen hin? In der Scheune ist kaum noch Platz, es spielt gerade das „Mama Basuto Blues Ensemble“ und alle Plätze sind restlos besetzt. Wie werden sich so viele Menschen bei einem Hagelsturm verhalten? Wird es eine Panik geben? Am Himmel grollen die bedrohlichen Wolken immer näher, aus Kriebstein kommt die Meldung, dass es dort bereits erbarmungslos hagelt.

Über WhatsApp behalten die Organisatoren vom MJV die Lage im Griff. Wichtig ist, die Scheune bei Beginn des Hagelsturms zu blockieren, damit nicht noch mehr Menschen kopflos in das bereits gefüllte Gebäude stürmen. Außerdem müssen alternative Überdachungen und Fluchtwege gewiesen werden.

„Scheune ist dicht!“

„Ist Security da?“

„Noch nicht, hätt ich jetzt gern !!!“

„Erledigt: Scheuneneingang oben ist mit Security besetzt!“

Als es leicht zu nieseln beginnt, verlassen einige Besucher ruhig das Festival, ein schöner Tag mit toller Live-Musik von den Slide Riders, Mothers Best, Kees Schipper, Joon Wolfsberg Band, Abi Wallenstein und Kat Baloun liegt hinter ihnen.

Nun regnet es etwas stärker, der Eismann schließt seinen Laden, die Menschen ziehen sich Kapuzenshirts über und warten mit stoischer Ruhe unter den Pavillons und den Vordächern der Bierwagen. Gemeinsam geht alles besser! Mama Basuto spielen mit stilvoller Ruhe und viel Charme ein großartiges Set auf der Bühnenscheune, die Fans sind begeistert. Und dann?

„@alle: Irgendwie sieht es aus, als würde es vorbeiziehen“

„... Schwein gehabt, Leute!“

Der Regen hört einfach auf. Die Wolken ziehen ab, später kommt sogar die Sonne wieder durch, das Unwetter hat das Festival verschont. Die begeisterten Fans in der Scheune, die dankbares Publikum für das „Mama Basuto Blues Ensemble“ sind, haben noch nicht einmal mitbekommen, dass es kurz regnete.

Paracetamol per Messenger

Das Festival geht weiter, als wäre nichts gewesen. Es spielen am Donnerstag noch Escherlor & Slide, Meena Cryle & the Chris Fillmore Band, Doc & Josa sowie die Kris Pohlmann Band. Als draußen das Lagerfeuer vor der Wiesenbühne knistert, ist sie wieder da: die bezaubernde Kuscheligkeit von Deutschlands gemütlichstem Bluesfestival.

Auch der Chat in den WhatsApp-Gruppen geht ungestört weiter.

„Leute, wer demnächst ins Lager geht, bitte die weißen Becher fürs Backstage mitbringen.“

„Weiß jemand, wer die Atelierschlüssel hat?“

„Der Schlüssel ist beim Nepal-Basar“

„Könnte bitte jemand noch eine kleine Kasse an den Einlass bringen?“

„Einlass @ Orga: Wir brauchen hier noch Wechselgeld!“

„@alle: kann mir jemand sagen, was bei Migräne hilft?“

„Paracetamol, ein Kaffee, Bier und Wasser im Anschluss...“

„... es war Ibuprofen...“

Besucherrekord am zweiten Festivaltag

Am Freitag steht ein neuer Rekord für das Festival. Noch nie vorher besuchten mehr als tausend Menschen das Festival am zweiten Tag. An diesem Tag geben die Workshop-Bands, die der Verein betreut und noch ein paar ausgesuchte Perlen der rockigeren Gangart ein Stelldichein. Doch zunächst wird getanzt. Seau Volant aus Dresden mischen mit dynamischem Klezmer-Jazz die Bluesszene in Altzella kräftig auf, kein Tanzbein bleibt lange ruhig.

„@alle: 16:45 Bühne Scheune. Unbedingt hingehen!“

Danach jagt wieder ein Wow das nächste: Petra Börnerova Trio aus der tschechischen Republik spielen auf der Wiesenbühne.

„Habt ihr gesehn? Der Schlagzeuger ist erst neun!! Jahre!!! alt!!! Hammer!!“

Jules mit der bezaubernden Julia Fischer spielen in der Scheune und später rocken Electric Lady mit unglaublicher Frauenpower die Scheunenbühne.

„Guter Gott!!“

Schließlich spielt Andi Valandi draußen auf der Wiesenbühne bei Lagerfeuer und Festivalromantik seinen düsteren Alltagsblues.

„Fetter Sound!!“

„Basser spielt Keybordbass und mundi zuglei!“

Fix und fertig, aber glücklich

Und bevor The Lateriser aus Erfurt das Festival an sein Ende rocken, werden alle, die ihre Posten verlassen können, auf die Scheunen-Bühne gerufen.

„22:30 alle MJV-Leute auf die Scheunen-Bühne. Pronto!“

„Der Ansturm an den Bierwagen draußen wird dann zu dolle... später?“

„Geht ni... Fünf Minuten, Leute!“

Und da stehen Sie, knapp die Hälfte der über 50 Helfer füllen die Bühne, das Publikum applaudiert und schreit das Lob geradezu in Richtung Bühne. In den Gesichtern der vielen jungen Menschen auf der Bühne zeigen die Anstrengung und der Schlafmangel ihre Spuren. Fix und fertig, aber glücklich. Geschafft! Alle sind sich sicher, dass das Festival 2019 genauso gut und schön werden soll. Lob kommt schon jetzt über den Chat:

„Schönen Feierabend! Habt Ihr gut gemacht!“

„Schönen Abend Euch, und danke nochmal für die schönen Tage!“

Später, als alles wieder ruhig ist in Altzella:

„Wären dann soweit... und grillen ab.“